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The Company Code: Der ungeschriebene Code

Hinter jedem Organigramm liegt ein zweiter Code: undokumentiert, eng gekoppelt, schwer zu ändern. Wie er entsteht, warum er mit KI-Agenten dringend sichtbar gemacht werden muss, und wie man anfängt.

«Historisch gewachsen.» Kennst du diese zwei Wörter? Sie fallen meistens dann, wenn jemand fragt, warum etwas so kompliziert ist. Danach wird es still. Sie erklären alles und ändern nichts.

In der Softwareentwicklung heisst das Technical Debt: Entscheidungen aus früheren Projekten, unter anderen Bedingungen getroffen, von Leuten, die längst nicht mehr da sind. Der Code läuft, aber niemand traut sich, ihn anzufassen, weil keiner weiss, was sonst noch bricht.

Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Bevor ich Unternehmen beraten habe, habe ich selbst Access-Anwendungen mit Visual Basic für Unternehmen geschrieben. Sie funktionierten irgendwie, erklären konnte man sie niemandem. Ich war damals selbst Teil des Problems, das ich heute beschreibe.

In Unternehmen ist es genauso. Ich nenne das «The Company Code».

🐛 Der zweite Code hinter dem Organigramm

Hinter Organigramm, Prozesshandbuch und Freigabereglement liegt ein zweiter Code. Er besteht aus den tatsächlichen Abhängigkeiten und aus Regeln, die nirgends stehen, aber bestimmen, wie entschieden wird. Wer bei welchem Kunden welche Ausnahme kennt. Welche Freigabe man besser direkt beim Chef holt. Welche Tabelle niemand löschen darf, obwohl keiner mehr weiss, wofür sie da ist.

Dieser Code ist nicht schlecht. In ihm steckt viel Erfahrung, und er macht ein Team anpassungsfähig. Man sieht ihn immer dann, wenn eine Situation eintritt, die im Handbuch nicht vorgesehen ist. Nur ist er undokumentiert, eng gekoppelt und schwer zu ändern.

Am deutlichsten zeigt er sich bei Ausnahmen. Die Prozessbeschreibung passt nicht auf das, was gerade passiert, also wird pragmatisch entschieden, und festgehalten wird nichts. In der Software heisst das ungefangene Exception: Das Programm läuft weiter, aber im Hintergrund sammelt sich etwas an.

🐛 Die Zahl, die fast niemand kennt

Ein guter Messwert für den ungeschriebenen Code ist die organisatorische Latenz. Nimm eine Regeländerung aus den letzten zwölf Monaten, zum Beispiel eine neue Freigabegrenze oder einen geänderten Rabatt. Wann wurde sie beschlossen? Und ab wann wurde es überall tatsächlich so gemacht?

Diese Lücke kennt fast niemand für sein eigenes Unternehmen. Dabei sagt sie mehr über die Beweglichkeit einer Organisation als jedes Leitbild, nämlich wie schnell sie ihre eigenen Regeln ändern kann. Wie schnell du neue Technik einführst, ist daneben zweitrangig.

🦋 Nicht alles aufschreiben, sondern unterscheiden

Ein Einwand kommt in fast jedem Gespräch: «Genau das ist unsere Stärke. Unsere Leute denken mit. Wenn wir alles aufschreiben, verlieren wir das.»

Da ist etwas dran. Es gibt Unternehmen, die ihre Beweglichkeit wegdokumentiert haben. Der Schluss daraus ist trotzdem falsch, denn aufschreiben musst du gar nicht alles. Es reicht, zwei Dinge auseinanderzuhalten.

🦋 Betriebswissen gehört in den Company Code: wer bei welchem Kunden zuständig ist, welche Frist gilt, wie eine Position kalkuliert wird. Das ist Dokumentation, die bisher nur in Köpfen steht. Sie kostet dich jeden Tag Zeit und macht dich verletzlich, wenn jemand kündigt.

🦋 Urteilsvermögen bleibt beim Menschen: die Ahnung, dass in einem Projekt etwas nicht stimmt, bevor es die Zahlen zeigen. Das lässt sich nicht aufschreiben, und man soll es auch nicht versuchen.

Wo die Grenze zwischen beidem verläuft, entscheidet die Führung. Die IT kann ihr das nicht abnehmen.

Der neue Kollege fragt nicht nach

Warum das mit KI dringender wird

Bisher war der ungeschriebene Code vor allem für neue Mitarbeitende ein Problem. Sie brauchen Monate, bis sie wissen, wie es «wirklich» läuft. Mit KI-Agenten kommt ein neuer Kollege dazu, der den ungeschriebenen Teil gar nicht lernen kann, weil für ihn nicht existiert, was nirgends steht. Mehr dazu nächste Woche.

Mittwoch, 8 Uhr

Drei Schritte für den Anfang

1️⃣ Lass dir einen Prozess zweimal erklären: einmal von der verantwortlichen Person, einmal von jemandem, der ihn täglich ausführt. Wo die Beschreibungen auseinandergehen, liegt dein ungeschriebener Code.

2️⃣ Miss eine Latenz: eine Regeländerung, zwei Daten, eine Differenz.

3️⃣ Ziehe eine Grenze: Was davon ist Betriebswissen, was Urteil?

Kleine Schritte sind besser als keine Schritte.

Der ungeschriebene Code läuft weiter, ob du ihn liest oder nicht. Offen ist nur, wer ihn als Nächstes ausführt: ein neuer Mensch, der nachfragt, oder ein Agent, der es nicht tut.

👉 Wo würdest du in deinem Unternehmen anfangen? Gerne denken wir das in einer Standortbestimmung gemeinsam durch.

Teil 2 der Serie «The Company Code»: sieben Thesen dazu, wie Unternehmen KI wirksam machen, ohne ihr Chaos zu automatisieren.

(AI modified)

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